Sonntag, 30. Juni 2013

All die ›Auch‹-Dichter!
Panause.
Scheue Frau. Scheuermann. Osteochondritis deformanns juvenilis dorscheui.

Samstag, 29. Juni 2013

Ich kam vom Fressen und hatte Gewissensbisse.
s’Büsiwetter.
Depponie.
Heutzutage würde der Berg lieber zum Menschen gehen, als dass er die Millionen von Pseudo-Propheten erleben muss, die zu ihm kommen.
Wer muss etwas erleben? – Leben genügt.
Auschwitz und der Spatz Gottes.
»– – ! – – – ! – – – ?? – !! – – – !!!!« – Arno Schmidt? – Nein, Kurt Tucholsky.
Ohnehin ist Wolf von Niebelschütz' Gefühlslage biographisch nicht weiter bezeugt, sondern höchstens aus dem Text der Gedichte zu erschließen. Manches lässt sich allerdings ohne Kenntnis der äußeren Umstände nur allegorisch verstehen, auch wenn durchaus anderes mitgemeint sein kann, gerade etwa beim mehrmals erwähnten Himmelsfloß, das auch Teil des ›Exlibris‹ (der Buchmarke) von J. W. war.
(Dieses Exlibris [als ›Bücherzeichen‹ eingeklebte Zettel, die zur Kennzeichnung des Eigentümers des Buches dienen] ist eine zufällige Entdeckung, da der Biograph 2007 die Erstausgabe der Kinder der Finsternis aus ihrer ehemaligen Bibliothek erwerben konnte. Die Widmung lautet denn auch:
Für J[.] P[.] / im fernen Malaga, / nicht zu fern für den, / der das Himmelsfloss / nicht vergass. [Privatarchiv des Biographen])
[Vorveröffentlichung aus der Biographie von Dominik Riedo über Wolf von Niebelschütz: »Wolf von Niebelschütz. Leben und Werk«; erscheint Ende 2013]

Freitag, 28. Juni 2013

Die Unwortung aller Werte ...
Aah, das Entsetzen über die unwandelbare Eintönigkeit der Welt. Die Mittelmäßigkeit des Weltalls erschreckt mich, erschreckt mich ..
Nichtserwerbstätiger.

Freitag, 21. Juni 2013

Love is in the Err.
Meine Liebe allen, die mit Gotisch und Altgriechisch gefüttert, vor Hunger gestorben sind.
T/DRITTGERÄUSCH
Die Rede der gekreuzigten Maria (Rückenschmerzen), dass da (im Alter) nur der Teufel sei …
Mein Lippenpaar aus Wort und Wort ist beileibe nicht mein natürlich gewachsener Schnabel. Sollen’s die Herren und Damen Literaturfabrizierer fressen.
Das Deutsche knarrt wie eine Barockorgel.
Man nehme den Hosenknopf eines Schriftstellers, der ihm während einer öffentlichen Lesung von der Hose gesprungen ist, reibe ihn zu Pulver und rühre dies Pulver in eine Sauce ein: Fertig ist das Potenzmittel. (Wer’s glaubt, wird unselig.)
Ein Haar aus meinem Bart, eingegossen in einen Ring, verleiht magische Kräfte: Man mag danach mindestens doppelt so viel fressen wie zuvor.
Über-Lebensmittel.

Donnerstag, 20. Juni 2013

All die guten Sanitöter.
Ist nicht gerade der Individualismus … – bürgerlich bis auf die Knochen (der Marxismus lässt grüßen)? Aber machen nicht die Knochen die Suppe aus? Auch der Vegetarier (es gibt ein bildliches Sprechen) …
BEETHOVENS FUGEN-ABDICHTUNGEN.
Die größten Schreckens-Szenarien öffnen sich mir: Was, wenn eine Partei, egal welche, definitiv die Oberhand gewinnt: militärisch, wirtschaftlich, wie auch immer. Die Welt würde völlig geknechtet – vor allem die ›Widerstandsnester‹. Ich kann nur auf die ebenso beschissene Balance of Power hoffen. … Was man nicht alles sehen muss, wenn man so beschaffen ist!

Mittwoch, 19. Juni 2013

Dienstag, 18. Juni 2013

Eine Pleite ist das Einzige, was ich am Ökonomie-System wirklich verstehe; nur wundert’s mich, dass diese Pleiten nicht viel öfter auftreten.
Immer mehr neigen die Mittel, die man braucht, um Kritik zu üben, dazu, die Kritik zu entkräften. Was also bleibt? Literatur pur. Die hat schon immer fast niemand gelesen.
Bei all dem Schall (Flugi)
Wartet Ihr nur auf den Widerhall
Ihr kommt zu Fall
Auch gut, Ihr Zeugs
Welch Sprache lässt fast logisch auf Schritt und Tritt Fehlleistungen zu,
Freudsche?
Das Deutsche.
Man müsste populär sein, damit man kritisieren dürfte, ohne dass andere immer schreien: »Das ist nur der Neid! Der Neid!!«

Samstag, 15. Juni 2013

Über Arno Camenisch gäbe es schon einiges zu sagen – oder eher über die vielen Literaturpreise, die Sätzen vergeben werden wie: »Der Senn sitzt am Steuer seines grauen Justys am späten Abend neben der Hütte mit dem Zwetschgenwasser in der Hand« (wer bitte sitzt wo und vor allem wer bitte hat das Zwetschgenwasser in der Hand?) … – aber die Sprache verschlägt es einem über seinen ›Mentor‹, der noch nie etwas von Blut-und-Boden-Literatur gehört zu haben scheint: »Arno ist ganz nah bei seinen Menschen, diesen Bergen. Nahe bei seinem Blut. Das spürt man sofort.«
Die Umwortung aller Werte!
Der mächtige Meteoch spricht: Schlechtes Wetter morgen. O Meteoch, großer Plott.
Intelligans.

Freitag, 14. Juni 2013

Alfred Andersch ›fälschte‹ in Kirschen der Freiheit (sic!) sein ›Leben‹: Die Fälschung wurde also zu seinem Leben? Ja, auch … Aber was ist wirklich? Eine Frisch-Frage ohne Antwort … Alle anderen Schriftsteller wissen: Die Literatur. Der Rest ist nur die Realität.
Das einfache Schweizer Volk: Wie würdest du das sehen, wenn sie dich grad foltern, häh?
Ich: Diese Frage braucht doch keine Antwort …
Der Politiker: Wichtiger wäre, dass so alles entschuldbar ist!
Die Kunst kann, so weit sind wir heute (hoffentlich), alles behandeln: Auch WC-Szenen, den Tod, Geld … Die Frage wäre eher: Was will sie behandeln? Das aber ist eine Frage des Charakters, der auch bei den Künstlern zum Glück völlig verschieden angelegt sein kann (Launen der Natur). Sowieso macht sie all das noch nicht zur Kunst oder Unkunst. Sie muss mehr sein als bloß Stoff.
Wir sind, was wir sind; was wir sein wollen; und wie wir gesehen werden wollen. Könnten das freudig Ich, Es und Über-Ich sein? Was ist dann, wie wir gesehen werden? Die ›4. Instanz‹?
Intelliganz.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Das Gelächter kugelt sich, es eilt von Mund zu Mund – und ist doch nur eine Kapitulation der Sprache vor der unaussprechlichen Wirklichkeit; das Gelächter belauert den Schrei.
Ich bin ein Fisch: Nur meine Unterseite blinkt …
Ausgesetzt in eine Welt, die alle Harmonie plötzlich verloren hat, einem Bewusstsein ausgeliefert, das sich kreiselnd als Leidensbewusstsein erfährt, siedelt das Individuum seine Vorstellungen von Ruhe und Geborgenheit im Bereich des Vorrationalen an: Literatur entsteht. (Wie man sie dann aufs Papier bringt, ist eine andere Sache.)

Mittwoch, 12. Juni 2013

Auf den Schlechtfeldern.
Katzen haben keine genaue Vorstellung von sich und den Menschen: Sie wissen nicht, dass sie eine Katze sind. Aber sehen sie denn nicht, dass eine andere Katze etwas anderes ist als ein Mensch? Doch, in der Größe, aber sonst? – Umgekehrt darf man sich auch nicht täuschen lassen: Nur weil man seiner Katze alles Leid erzählt, wird sie nicht zum menschlichen Kameraden. Depressiv wird sie, weil sie die Gefühle spürt, nicht, weil sie die Worte als solche versteht. Aber das alles ist ja schon furchtbar oft gesagt worden …
Lesen Sie Frisch-Max: Für einen kräftige Brühe.
Viele Menschen mögen Menschen mit Abgründen. Ich bin selten so viel über meinen Job ausgefragt worden wie jetzt als Erwachsenenbildner in der geschlossenen Strafanstalt. Das aber heißt, dass die Menschen auch von Gewalt fasziniert sind, vom Krieg. Darum all diese Beststeller und Kassenschlager. Darum aber auch (zu einem Teil) all die Kriege.

Dienstag, 11. Juni 2013

Die Jungwölkchen singen wieder das feurige Lied. Die Stimmung ist aufgeheizt: Vorhang auf zum Sommer-Akt!
Ich besitze keinen pond
Tocharisch verwitzle ich mir selber
Stich und Nadel gewohnt
Für die jungen Lämmer bin ich
Zu schwerhörig, zu alt
Um den Blocksberg zu umreiten
Für leichteren Dienst aber
Darf man sich mich kaufen: Ich würde
Oft vor Wut schäumen
Die Metaphern zerhacken
Die Münder füllen
Über Ferienzulage und
Freizeit kann man reden
Allerdings
Nicht mit mir
Kleingeduckte Titten.
Im Mittelalter wurden Engel oft so beschrieben, wie heute Außerirdische. Was man daraus lernen kann? Dass früher schon Außerirdische auf die Erde gekommen seien? – Ne, dass viele eben so blöd sind, diesen Kurzschluss zu machen: Es heißt doch nur, dass wir uns schon immer Hilfe von außen erträumt haben und mit dem zunehmenden technischen ›Fortschritt‹ das Ganze mehr in den Bereich der Wissenschaft zu holen versuchen. – Warum die ›Außerirdischen‹ dann ähnlich beschrieben werden wie die ›Engel‹? Meine Güte, die Phantasie der meisten Menschen ist platt wie ein Stück Fladen. Sie haben ja auch heute noch Kinder und immer wieder dieselben Kinder.
Es ist für mich immer wieder erschreckend zu realisieren, wie schlechte Gedächtnisse alle Leute haben. Die leben ohne großes Bewusstsein ihrer Vergangenheit. Sollte das etwa auch die Lösung der Beziehung zum Unbewussten sein? Wer viel weiß, dem gleitet weniger ins Unbewusste ab, und er ist somit kontrollierter …? Den anderen drückt das Unbewusste immer voll durch, sie sind ›instinkt‹gesteuerter …?
Mit dem schrillen und gequälten Klang der Stimme, die zu meinem Bruder gehörte, ruft mich meine Kindheit in jene ferne Vergangenheit zurück, …

Montag, 10. Juni 2013

Sie möchte die Welt vernichten. Warum verstand die Umwelt (ein Unwort!) sie derart schlecht? Hatte sie nicht, weil sie mit diesem Wunsch geboren war, das Recht, alles zu zerstören, was die Reinheit des Nichts befleckte?
Die Frau, die alle ihre Partner in den Tod lockt, indem sie mit ihnen auf einer extrem gefährlichen Straße radfährt. Es ist die Geschichte der Blaufahrt.
Ich bin die Ruine anderer Welten. (Schluss mit dem Kitsch; die Ruine ist echt!)

Sonntag, 9. Juni 2013

Der Tod als unbestreitbarer Existenzbeweis.
Was war ich eitel, als ich’s mir noch leisten konnte …
Mamagement.

Samstag, 8. Juni 2013

Freitag, 7. Juni 2013

Warum riechen Blumen, abends, auf dem Balkon, stärker, als am Tag? (Warum sind meine Sätze Treppen ins Nichts?)
Der Mensch kann nicht sagen, was er denkt? – Ja, können wir denken, was wir fühlen?
Sagt man ihnen, sie seien kopflos, greifen sie zum Portemonnaie, um die Kehrseite der Münzen zu prüfen.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Sie frisst und frisst und frisst. Im Dorf erzählt man sich, dass sie nur so alt geworden sei, weil sie jederzeit bereit sei, ein Kreuz an den Boden zu kotzen. Das helfe. Das Dorf steigert seinen Nahrungsverbrauch darauf drastisch. Das Bundesamt für Speis & Trank schaut vorbei. Niemand auf der Straße. Sie kommen fast gar nicht mehr zur Tür raus. Der schlanke Metzger bringt ihnen alles. Lebt ganz gut davon. Auch die Ärzte. Aber was soll nun der kleine Beamte tun? Sie laden ihn zum Essen ein. Oh, nein, er zieht auch ins Dorf. Wird wohlig fett. Kann eine Welt so leben? Was will die Armee dagegen tun? Ihnen gehen die Rekruten aus. Zumindest aus jener Gegend. Aber das reicht ihnen. Panik macht sich breit. Sie nehmen eine fettlösende Kanone mit und ziehen in Kompaniestärke ins Dorf. Keine Gegenwehr. Sie lassen sie einnehmen. Aber kaum sind sie 15 Kilo leichter, gehen sie hinters Haus, grasen dort, saufen direkt aus den Eutern der Kühe fette fette Milch. Essen Käfer. Was soll man tun, was soll man bloß tun?
Obwohl es nur einen Augenblick braucht, zu Beginn
Dann der muntere Tanz des Wollens und Abwehrens
Einen kurzen Moment nur
Und ich bedanke mich
Dass ich den Augenblick nicht leben kann

Mittwoch, 5. Juni 2013

Allah kommt zu Friedrich Rückert und küsst ihn: »Das ist für die Übersetzung des Korans.« Und er nähert sich Rückerts Ohr und flüstert ihm seinen hundertsten Namen ins Ohr. Einen Tag später überträgt Rückert den Namen als:
»Im Grunde kotzen mich Schriftsteller an, die nicht von der Idee wegkommen, ein Außenseiter oder Prophet zu sein, und das, was sie als ihre individuelle Freiheit bezeichnen, gegen die kollektive Freiheit auszuspielen versuchen, die sich an der Gemeinschaft vergehen.« Tatsächlich ist das Leben eines Schriftstellers nicht einfach mehr wert, nur weil er schreibt und vielleicht ›ewige Kunstwerte‹ schafft. Ich habe das an einer Bemerkung eines Freundes letzthin deutlich gespürt: Wenn er sagt, noch vor zwanzig Jahren sei man Büchern hinterhergerannt, auf dem Antiquariatsmarkt, heute werde alles ins Netz gestellt, er sehe seinen Beruf als Antiquar langsam als sinnlos an …, so zeigt das doch deutlich, dass ein Beruf nicht auf ewige Zeit zwangsläufig zu bestehen braucht. Auch Bücher oder andere Kunstwerke können damit nicht für eine ›Ewigkeit‹ geplant werden. Ein Text soll entstehen für die jetzige Zeit und weil es dem Schriftsteller selbst gefällt, ihn zu schreiben (und hilft damit kurzfristig der gleichen Anzahl Menschen wie andere Berufe). Also Spiel und direkte Wirkung. Den Klassiker-Status für einige Jahrhunderte gibt es höchstens gratis obendrauf. (Zu fragen wäre äußerstenfalls noch: Gibt es eine feste humane Ethik, die Schriftsteller mehr befolgen als andere Menschen?)
Dies meine Poetik auf den knackigsten Po gebracht.
Allerdings wäre eine gewisse Überheblichkeit doch begründbar vom Lesen aus: Ein wahrer Schriftsteller kann der perfekte Leser sein. Und also deswegen von mehr Nutzen für die Kunst (für ihre unmittelbare Erhaltung, ihre lange Überlieferung und ihre mögliche Interpretation). Wie bei der Religion: Nur vom Rezipienten aus macht so etwas mythisch überhöhbaren Sinn.
All dies schreibt nicht mein wahres Ich.

Dienstag, 4. Juni 2013

Ich liege einmal mehr im Spital. Die Sirene draußen heult. Ich weine über mein Leben. Der Bart wächst immerhin noch, sage ich mir, aber sonst? Ich fasse mich ans Kinn. Suche Härchen am Ohr. Draußen heult die Sirene. Das Cortison fließt in die Vene. Ich kann es spüren, kalt und kribbelnd. Draußen heult die Sirene. Schuhe eilen geschäftig umher. Ich stelle mir die Gesichter dazu vor mit geschlossenen Augen. Und ein Leben. Draußen heult die Sirene. Der Stoff rinnt. Ich habe wieder in die Hose gemacht. Leicht. Das soll vorkommen, versichert mir der junge Arzt. Aber ich schäme mich trotzdem vor der Pflegefachfrau. Draußen heult die Sirene. Die Sonne wärmt junge Pflanzen. Ich sitze im Dunkel und lese nicht einmal. Ich greife mir ans Kinn. Einer soll es doch tun. Ein Besucher sieht ins falsche Zimmer. Was habe ich mit ihm zu tun? Jetzt ist die Blase leer. Draußen heult die Sirene.

Montag, 3. Juni 2013

EIN SCHÖNER HORIZONT – CHARLES BAUDELAIRE UND SEINE EXOTISCHEN ›LANDSCHAFTEN‹
Also, Baudelaire: seine Liebesgedichte, in denen immer diese ›Berge‹, ›Schluchten‹ und ›Eilande‹ auftauchen: Titten, Fotzen, weibliche Körper.
Zweifel? – Man lese: Im Schatten ihrer Brüste wohlig ausgeruht, / Dem Weiler gleich, der friedlich im Gebirg versteckt. ›Im Gebirg‹! Also Berge.
Und: Wenn ich geschlossenen Augs in lauer Nacht / Den Duft einatme deiner warmen Brüste, / Entrollt sich vor mir eine heitere Küste. Eben; beziehungsweise: ›uneben‹. Genau. Oder anders gesagt: »Oh, Inseln vor Afrika!« Denn dorthin, mitten in den Indischen Ozean, auf Mauritius und La Réunion (Insel der ›Zusammenkunft‹), reiste Baudelaire mit gerade mal 20 Jahren.
Diese tropische Welt hat ihn geprägt. So müssen die ›Inseln‹ in der Folge mehrmals metaphorisch herhalten: Ein träges Eiland, von Natur bedacht / Mit seltenen Bäumen, Früchten, prall von Saft. – Nunja, der Mann weiß, wovon er spricht; er mochte halt sowieso volle Titten: Die hohen Brüste, die des Kleides Seide straffen, / Sind vorgewölbt und wie ein schöner Schrein beschaffen.
Aber was bei einer ›Küste‹ folgerichtig mit dabeisein muss, ist das ›feuchte Element‹. Baudelaire führt es deutlich sexuell konnotiert ein: Du ähnelst einem schönen Horizonte, / Entflammt von Sonnen nebelgrauer Zeiten … / Wie leuchtest du: ein feuchtes (sic!) Land. Braucht man mehr dazu zu sagen?
Was auch endlich die Frage nach den ›Schluchten‹ und ›Untiefen‹ beantwortet, wenn die Frau vor uns gar ›kontinentenhaft‹ erscheint, voilà: Das Schmachten Asiens und Afrikas Erglühen, / Verschollene Welten, fern, fast wie in Grüften, / Durch Tiefen dieses würzigen Waldes ziehen! Ausrufezeichen. Exakt: Diese perfekt abgeschmeckten Speisen kostete er nur zu gern. Und man sieht ihn förmlich durch die ›verschollenen Welten‹ kraxeln. Denn diese Tiefe lotet mann doch gerne aus …
TROTZ alledem muss man sagen, dass Baudelaire sich wirklich ein ›neues Ideal von Weiblichkeit‹ erschreibt. Denn immerhin: Es ist nicht mehr der Mann, der die Frau verführt; er gibt sich nur noch ihren Reizen hin wie ein Wanderer oder Bergsteiger der Landschaft.
Dieses Gefühl hat ihm schließlich unmittelbar im täglichen ›Umgang‹ mit ›seinen‹ Frauen geholfen. Wenn die große Liebe Jeanne Duval ihm davonlief …; wenn er ihr einmal mehr davonlief … – dann konnte er etwas später wieder versöhnlich sein. Denn sogar wenn man dazwischen andere ›Landschaften‹ besucht hat, so kann man in eine einst geliebte Landschaft ohne tiefe psychische Probleme wieder zurückkehren.
Aber wenn wir grad bei ›psychischen Problemen‹ sind: Sobald Baudelaire die Frauen einmal derart in sein Werk eingestrickt hatte und sich selbst in dieses Phantasieland hinein, vermag er auch seine Liebes-Stimmungen und -Gefühle wie auf einem Messgerät innerhalb dieser Skala anzugeben: Wenn er sich gut fühlte, schaut er von außen auf das geliebte ›Eiland‹, nähert sich ihm an: Meine Liebe, tief und sanft wie das Meer, die anschwoll wie zur Klippe hin die Flut. Fühlte er sich schlecht, sitzt er wie gefangen in der ›Schlucht‹: Ich fleh dein Mitleid an, / Aus jenem tiefen Abgrund, wo mein Herz versinkt.
Wobei ›Abgrund‹ nicht gleich ›Tiefe‹ meint: Letztere blieb ihm eben manchmal verwehrt – weswegen er sich wie im ›Abgrund‹ fühlt; darin konnte er aber auch schmachten, weil er es sich irgendwie eingebrockt hatte, wehmütig an die andere ›Schlucht‹ denkend: Die Schwüre, Düfte, Küsse, die nie zu Ende gehen, / Werden sie auferstehen aus uns verwehrten Tiefen?
Denn mit zunehmendem Alter, sein vom leiblichen Vater geerbtes Geld als Dandy verbraucht, angesteckt mit der Syphilis, durfte und wollte er (Apollonie Sabatier, die sogenannte ›Präsidentin‹, die in ihrem Pariser ›Salon‹ zahlreiche Künstler versammelte, hätte sich ihm nach Jahren der anhimmelnden Fernliebe hingegeben; Baudelaire verzichtete) nicht mehr in alle ›Tiefen‹ tauchen. So schuf er sich eben künstliche ›Eilande‹, künstliche Paradiese: Les Paradis artificiels.
FREILICH behält er seine Bildwelt, die gewählte Abbildungsfunktion der Sprache für Elemente der Realität bei: Da ihm sowieso alles zu Inseln ›verschwimmt‹, können die sechs wegen Obszönität und Unmoral inkriminierten Gedichte aus Les fleurs du Mal, die 1857 zum Verbot seines bekanntesten Werks führten, ein Jahr vor seinem Tod in Les Épaves, also als ›Strandgut‹, wieder auftauchen.
Und selbst der Tod kann so vorausahnend in passender Weise gesehen werden: Die Einladung zur Reise spricht es aus: Wie köstlich müsst es sein, / Dorthin zu gehen und vereint / Sich liebend verschwenden, / Lieben und enden / Im Land, das dir ähnlich scheint!

Sonntag, 2. Juni 2013

»Wer einmal mit einer Rauminstallation aus zwanzig plan verlegten großen Zementplatten durchgekommen ist, der hat es als Künstler geschafft.« – Das gilt sogar heute noch, selbst wenn diese Tätigkeit damals wie heute auch durchgeht unter der Berufsbezeichnung ›Gärtner‹ oder ›Landschaftspfleger‹. Aber im Barock war dafür dies eine Kunst. Was sich einzig aufdrängt ist die Frage: Warum Kunst als etwas erleben, das im Museum steht? Sollte sie nicht im Alltag helfen? Sie strebe das schon an? Dann müsste man aber schleunigst der Architektur wieder zur ›KÜNSTLICHKEIT‹ verhelfen!
Jeder Dichter möchte ein Stern sein. Der nächtliche Himmel ist schon fast aussichtslos zugepflastert. Aber alle Leser wollen nur die Sonne. Oder eine Sternschnuppe, bei der sie sich wünschen …
Ich werde – falls ich’s noch kann – vermutlich auch auf dem Totenbett noch schreiben. Warum? Es könnte eine perfekte Symbiose Inhalt-Form gelingen, die einfach zu wichtig sein könnte, um sie nicht sich auszudenken.
Ich fette; man kann also fürwahr sagen: Wie er leibt und lebt …
Wahnsinn?! – Nein, dafür hat sie eigentlich kein Gespür.
Einen Augenpick lang bin ich völlig glücklich.

Samstag, 1. Juni 2013

Lieber versagen als im Musserfolg zu stecken.
Der Gegen-Pol zum Schreiben ist nicht das Nicht-Schreiben, sondern das Streichen. Immer wieder. Und was bleibt …
Nimmt man verschiedene Aussätze meiner ›Schriften‹ für sich, erhält man die buntesten Widersprüche. Versteht man sie als Positionen in einem Zusammenhang, ergibt sich ein sinnvolles Widerspiel.
Anarchrist.
Phonolutschi.
Die Materie hat sich gegen mich verschworen. Alle Atome lehnen sich gegen mich auf. Quarks, oh Quarks, was hab‘ ich Euch getan?!? Alles, was ich tue, misslingt. Da, schon wieder springt der Boden auf mich zu! Die Luft erdrückt mich. Und das Wasser versucht mich zu erwürgen!
Achtung: Die Freimauler kommen.